Stuttgart, 27. Januar 2003
Kajsa Bergqvist
Ohne Handy geht gar nichts.
Dieses Gerät ist eins der wichtigsten Gegenstände im Leben von Kajsa Bergqvist. "Damit halte ich Kontakt zu meinen Freunden", erzählt die weltbeste Hochspringerin des Jahres 2002. Aber die Gespräche sind ihr jeden Cent wert. Es ist schwierig Freundschaften zu pflegen, wenn man monatelang kaum nach Hause kommt. Und wenn, dann nur um aus- und wieder einzupacken. Kajsa Bergqist lebt seit Sommer 2001 nicht mehr in ihrem Heimatort rund 15 Kilometer nördlich von Stockholm.
Sie siedelte über nach Monaco. "Das Klima ist dort einfach wunderbar. Es ist besser zum Trainieren als in Schweden. Außerdem habe ich keine ruhige Minute, wenn ich zuhause auf die Straße gehe," erzählt die Hochspringerin, die in kurzer Zeit zur Volksheldin wurde. In Ruhe shoppen zu gehen oder in ein Cafe, dies ist nicht mehr drin. Monaco kam ihr dabei durchaus gelegen. Zumal weitere Sportler dort ihre zweite Heimat gefunden haben. "Da hat man immer Anschluss", freut sich Kajsa Bergqvist, die in München Europameisterin wurde. Der Weltmeistertitel und der Olympiasieg fehlt ihr noch.
Die 1,75 Meter große Springerin liebt es zu reisen, Leute und fremde Kulturen kennenzulernen. Oft ist sie im Winter in Südafrika im Trainingslager und bedauert, "dass ich dort nicht viel Zeit habe, Land und Leute zu entdecken, weil wir eine konzentrierte Vorbereitung machen". Afrika mag sie sehr gerne. "Das Land beeindruckt mich." 2002 war das bisher erfolgreichste Jahr der blonden Schwedin. Die Krönung: ein Supersprung über 2,05 Meter in Poznan. Dort leistete sie sich gar den Luxus 2,10 Meter zu versuchen. "Ich glaube, es ist nicht utopisch für mich diese Höhe zu springen", sagt sie selbstbewußt. "Ich glaube, dass ich den Weltrekord schaffen kann".
Kajsa
Bergqvist ist ein lebhafter, kreativer Mensch mit einer natürlichen
Ausstrahlung, die auf Fotos sehr gut zur Wirkung kommt. "Vielleicht liegt
es daran, dass ich selbst fotografiere. Ich kann mich in den Fotograf hineinversetzen
und weiß, was er will". Sie selbst liebt Schwarz-Weiß-Fotografie,
hat sich eine kleine Dunkelkammer eingerichtet. Dabei verwandelt sie gerne
mal ihren Typ. Früher trug sie ihre naturblonden Haare lang, vor eineinhalb
Jahren hat sie sich die Pracht das erste Mal abschneiden lassen. "Seitdem
werden sie immer kürzer". Ab und an wagt die knapp 26-Jährige
ein Experiment, färbt sich ihren Schopf auch mal schwarz. "Abwechslung
muss sein," lautet ihr Lebensmotto. Denn Kajsa Bergqvist ist neugierig.
Neugierig aufs Leben. Sie sprüht vor Energie. "Ich bin ruhelos", sagt
sie über sich selbst." Das war schon als Kind so. Kaum einer konnte
sie bändigen. "Die Begeisterung für den Sport habe ich durch
meine Familie mitbekommen", sagt sie. Ihr Vater Gunnar war Hürdensprinter,
seine Tochter muss die Gene geerbt haben. Ihr Vorbild ist die Skifahrerin
Penilla Wiberg. "Weil sie immer alles gegeben hat und wenn sie gestürzt
ist, ist sie wieder aufgestanden", erklärt die Hochspringerin, die
selbst eine leidenschaftliche Skifahrerin ist.
Geboren und aufgewachsen in Sollentuna, 15 Kilometer nördlich von Stockholm, suchte sie schon als kleines Mädchen Gegner mit denen sie sich messen konnte. Und wenn sie niemanden fand, trug sie Wettkämpfe mit sich selbst aus. "Es gab Zeiten, da hab ich hundert Runden um unser Haus gedreht und versucht in jeder Runde schneller zu laufen als zuvor". Es war der Kampf gegen sich selbst, der sie geprägt hat. "Egal was ich tat, ich wollte immer gewinnen". Als Teenager spielte sie Fußball. Mit Haut und Haaren. Sie fegte über den Platz wie ein Wirbelwind, war "Mädchen für alles". Und wurde fuchsteufelswild, wenn ihre Mannschaftskolleginnen keinen hundertprozentigen Einsatz zeigten. Schon damals konnte man es erahnen. Sie hat den nötigen Biss, den Kampfgeist und den absoluten Willen zu gewinnen.
Ihr
Bruder Anders, elf Jahre älter als Kajsa, brachte sie zur Leichtathletik,
überredete seine kleine Schwester bei einem Crosslauf mitzumachen.
Das hat ihr Spaß gemacht und so begann sie regelmäßig
zu trainieren. "Eine gute Kondition hatte ich immer", sagt die 26-Jährige
selbstbewußt. Doch vor dem Hochsprung hatte sie zuerst eine unerklärliche
Furcht. "Ich hatte Angst vor der Landung", erzählt Kajsa Bergqvist.
Bis ihr plötzlich "die Erleuchtung" kam. Auf einmal klappte es. "Dass
ich allerdings einmal weltbeste Hochspringerin werde, daran hatte keiner
geglaubt", erinnert sich die 1,75 Meter große Athletin, die mit 2,05
Meter ihre Körpergröße um 30 Zentimeter übersprang.
Auch Bengt Jonsson nicht. Kajsa Bergqvist trainiert bei ihm, seit sie 14
Jahre alt ist. "Ich hatte lange Arme und lange Beine, aber keine Koordination.
Doch da war ihr Wille, zu gewinnen.......Damals spielte noch ein anderer
Aspekt eine Rolle. "Ich wollte meine Freunde treffen und das konnte ich
nur, wenn ich ins Training ging", erzählt die junge Frau, die früher
zwar ehrgeizig, aber schüchtern war.
Sie hat sich zu einer Persönlichkeit entwickelt. Die Lust, neues und aufregendes zu erleben, steckte schon in ihr, als sie noch zur Schule ging. So zögerte sie nicht lange, als das Angebot kam, in die USA zu gehen, an die Southern Methodist Universität nach Dallas. Dies war ein großer Einschnitt. Weg von der Familie, in ein Land mit einer völlig anderen Lebensart. Sie hat es keine Minute bereut. Vier Jahre lang studierte sie Werbung und trainierte meist allein, nach den Plänen ihres Coaches. "Da habe ich gelernt, mein Leben in die Hand zu nehmen." Später kann sie sich vorstellen in der Werbung zu arbeiten. "Aber bis 2008 will ich auf jeden Fall noch weiterspringen, dann sehen wir weiter." Sie braucht das Publikum, die Wettkämpfe als ihre Bühne. Um zu zeigen was sie kann. Nun hofft Kajsa Bergqvist nur eins: dass es in diesem Jahr so weitergeht, wie es im letzten aufgehört hat.
Ursula Kaiser
(c) Stuttgarter Messe- und
Kongress GmbH 2003
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