Stuttgart, 29. Januar 2003
Haile Gebrselassie
Er
wirkt immer fröhlich, herzlich, aufgeschlossen und hat für jeden
ein freundliches Wort. Er hört sich die Sorgen und Nöte derer
an, die ihm Herz ausschütten und man sieht ihn meist nur lächeln
und scherzen. Haile Gebrselassie ist Olympiasieger, siebenfacher Weltmeister,
hat 15 Weltrekorde verbessert. Er verdient Millionen durchs Laufen, ist
Vater von drei süssen Töchtern und hat in Addis Abeba sein zweites
Geschäftszentrum bauen lassen. Als Altersvorsorge. 650 Quadratmeter,
zehn Stockwerke, ein Fitnessstudio und ein Penthaus. Kosten: vier Millionen
Dollar. Rund 100 Leute haben daran gearbeitet auf der Baustelle. Gebrselassie
hat allen den Job vermittelt. Insgesamt sollen etwa 800 Personen finanziell
in seine Geschäfte und Projekte involviert sein. Er scheint ein glücklicher
Mensch zu sein. Ein Mensch, den nichts erschüttern kann, der für
alles eine Lösung findet. Doch dies ist nur die Oberfläche. Hinter
der Fassade verbirgt sich eine nachdenkliche, verantwortungsbewußte
und verletzliche Person. "Wie kann ich glücklich sein, wenn Millionen
meiner Landsleute vom Hunger bedroht ist", sagt der 1,65 m große
Wunderläufer aus Äthopien kopfschüttelnd. Er weiß
selbst wie es ist, hungern zu müssen, ist mit neun Geschwistern aufgewachsen.
Das hat sich tief eingegraben in seine Seele, hat ihn geprägt.
"Ich
kann nur glücklich sein, wenn die Leute auch glücklich sind."
Das Volk vertraut ihm. Haile Gebrselassie weiß dies. "Ich kann nicht
den Menschen in ganz Äthopien helfen, aber ich versuche es zumindest
in Addis Abeba." Er spürt eine große psychische Belastung."
Als ich angefangen habe zu laufen, hatte ich Probleme, weil ich kein Geld
hatte, nun habe ich Geld und ich habe auch Probleme." Einerseits genießt
er seine Berühmtheit, andererseits fühlt er sich dadurch unter
Druck gesetzt. "Ich bin Vorbild für viele junge Menschen, da muss
ich aufpassen, was ich tue". Er wird bewundert, ist längst ein Nationalheld.
Wer in den verstaubten Straßen von Addis Abeba nach dem Wunderläufer
fragt, bekommt umgehend Auskunft. Egal ob von den Obsthändlern in
den halbzerfallenen Holzhütten, den unzähligen Taxifahrern in
ihren blauen verrosteten Vehikeln mit den weißen Dächern oder
den mageren Jungs, die sich mit Esel, Schafen und Ziegen sicher zwischen
den unzähligen Autos und den hoffnungslos überfüllten orangefarbenen
Stadtbussen durchschlängeln. Jeder kennt ihn. Selbst die kleinen Mädchen,
in ihren zerfetzten, schmutzigen Kleidern mit ihren verfilzten schwarzen
Haaren, die auf den Straßen der äthopischen Hauptstadt leben,
wissen von wem die Rede ist. "Da habe ich keine Ruhe", sagt der Mann, der
seit Jahren die Läuferszene zwischen 5000 und 10 000 m beherrscht.
Zum Training zieht er sich entweder ins Nationalstadion von Addis Abeba
zurück oder er fährt in die Höhe, nach Entoto. Ein Gebiet,
etwa 30 Autominuten von der Hauptstadt enfernt. Für Haile Gebrselassie
und seine Trainingsgruppe ist dies ein Paradis. Es liegt rund 3000 m hoch
und hier finden die Läufer nur Felder, Gras, Nadelbäume und Hügel
in allen Variationen. Und unglaubliche Farbschattierungen in den verschiedensten
Gelb-Grün-und Brauntönen. Friedlich grasen hier Esel und Schafe.
Für den faszinierenden Anblick hat der 29-Jährige allerdings
kaum etwas übrig. Er spult hier sein Programm ab. Dauerläufe,
Steigerungen, Intervalltraining und Tempoläufe. Er lebt mit seiner
Frau Alem und seinen Töchtern in einem modernen Haus in der Drei-Millionen-Stadt
Addis Abeba. Während der Saison ist Haile Gebrselassie oft in Holland,
der Heimat seines Managers Jos Hermens. Doch wann immer es möglich
ist, reist er nach Hause. "Früher lebte ich oft drei Monate in Holland.
Heute habe ich schon nach sechs Wochen Sehnsucht nach meiner Familie."
Seine
Kindheit verbrachte Haile Gebrselassie in Arsi, rund 300 km von Addis Abeba
entfernt. Zusammen mit fünf Brüdern und vier Schwestern, zwei
der Mädchen starben als Kinder. Vater Gebrselassie war Farmer, seine
Mutter starb vor 19 Jahren, erlebte denn Triumpf ihres Sohnes nicht mehr
mit. Dabei mußte Haile Gebrselassie hart für seinen Sport kämpfen.
"Vater wollte nicht, dass ich laufe, hat es nie ernst genommen." Als er
mit dem ersten Titel inclusive Auto von der WM 1993 zurückkam, änderte
sich die Situation. "Er war völlig verwundert, dass man mit Laufen
etwas verdienen kann. Seit dieser Zeit akzeptiert er es." Damals lebte
der 1,65 m kleine Ausnahmeathlet schon in Addis Abeba. Der Wunderläufer
hat übrigens selbst ein Idol. "Ich bewundere neben unserem zweifachen
Olympiasieger Abebe Bikela, Tegla Lourupe aus Kenia. Sie ist die afrikanische
Marathon-Queen.
Apropos Marathon. Haile Gebrselassie wollte umsteigen auf die Marathonstrecke. In seinem ersten Lauf in London im vergangenen April beeindruckte der kleine Afrikaner mit dem weltbesten Debüt, das je einem Läufer gelang: nach 2:06:35 Stunden war er im Ziel. Damit wurde er Dritter. Nun legt er seine Marathon-Ambition auf Eis. Zumal ihn im vergangenen Sommer eine halbjährige Verletzung an der Wade zur Pause - und zum Nachdenken zwang. Schon 2001 in Edmonton hatte sich gezeigt: auch ein Wunderläufer ist nicht unschlagbar. Vor allem nicht unverwundbar. Er hat daraus gelernt. "2003 ist kein Marathon geplant", sagt der zweifache Olympiasieger und Weltrekordler über 10 000 Meter, der im Dezember in Doha in einem 10 Kilometer Straßenrennen eine neue Weltbestzeit aufgestellt hatte. Dafür will er in Paris im August wieder Weltmeister werden - über 10 000 Meter. Er absolviert eine kurze Hallensaison und will diese mit der WM in Birmingham im März abschließen. Egal was passiert - Haile is back on the track.
Und sein Debüt gibt er in Stuttgart.
Ursula Kaiser
(c) Stuttgarter Messe- und
Kongress GmbH 2003
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